Nicht links, nicht rechts, sondern naiv

Die Grünen waren die ersten, die (möglicherweise unbeabsichtigt) mit dem Spruch »nicht links, nicht rechts, sondern vorne« am rechten Rand nach Wählerstimmen gefischt haben. Genau genommen verdanken wir den sinnfreien Slogan einem ihrer Gründungsmitglieder. Daß die Grünen in der anschließenden Anfangsphase erklecklichen Mitgliederzuwachs aus ebenjenem rechten Spektrum, zu dem sie laut Slogan ja gerade nicht gehörten, verzeichneten, ist ein Phänomen, welches ein Vierteljahrhundert später auch die Piratenpartei heimsucht.

Warum ist das so? Kommen die Rechten trotz oder wegen des Slogans?

Diese Frage ist nun wirklich sehr leicht beantwortet: Selbstverständlich werden die Rechten von diesem Spruch angelockt. Es ist der typische Szenejargon für die Identitären (»nicht links, nicht rechts, nur national«). Auch die AfD behauptet: »Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links.« Das sei die bürgerliche Mitte. Die rechtsextremen Gruppierungen und parteien sprechen im selben Zusammenhang auch gerne von ideologiefrei.

»Nicht rechts, nicht links« heißt für die Rechtsextremen also nichts anderes als »hier wird meine Sprache gesprochen, hier bin ich zu Hause«.

Aber müßten sich die Rechten nicht unwohl fühlen, wenn's ausdrücklich »nicht rechts, nicht links« heißt? Wenn wir einmal den politischen Kompaß bemühen – ich habe mir erlaubt, diesen ein wenig zu korrigieren – so drängt sich die Antwort geradezu auf.

Hier zunächst einmal der politische Kompaß, so wie er von politicalcompass.org dargestellt wird:

543px-Political_chart.svg

Im Grunde schon ein guter Anfang. Häufig wird die X-Achse, anstelle der Bezeichnungen der X-Achse »Left« und »Right«, wie bei der Y-Achse mit den entsprechenden Begriffen »Communism« und »Capitalism« dargestellt.

Falsch an dieser Darstellung finde ich die Quadrate »Authoritarian Left« und »Libertarian Right«. Warum ich die Darstellung falsch finde, kann ich leichter verdeutlichen, in dem ich die Achsen mit der tatsächlichen Bedeutung beschrifte:

politisches Spektrum

Schon wird verständlich, daß bis in die Ecken reichende Werte bei »Authoritarian Left« und »Libertarian Right« nicht logisch sind. Jemand, der sehr stark von Mißtrauen geprägt ist, wird niemals hundertprozentig mit anderen zusammenarbeiten können, genausowenig wie man anderen blind vertrauen wird, wenn man sie als Rivalen betrachtet.

Zurück zum eigentlichen Thema: Warum wollen die Rechten nicht rechts genannt werden? Was heißt denn rechts? Es heißt egoistisch, feindselig, »ich/wir/$Land zuerst«, »die anderen sind eine Bedrohung für mich/uns/$Land«.

  • »Geld für die Oma, statt für Sinti und Roma«
  • »Die Griechen leiden, die Deutschen zahlen, die Banken kassieren«
  • »Goldzähne für Asylbewerber? Zahnlücken für Deutsche!?«
  • »Heimatliebe statt Marrokaner-Diebe«
  • »Unser Geld für unsre Leut«
  • »Freipass für alle? Nein«

Das sind alles Slogans von Wahlplakaten rechter Parteien. Sie alle bedeuten letztendlich nichts anderes, als »ich hab was und will Dir nix davon abgeben, bäh«. Wenn auch viele den unaufhaltsamen Verfall der Sitten verschreien, so bekommen die meisten von uns als Kinder noch immer beigebracht, daß man teilen soll und es nicht anständig ist, alles für sich behalten zu wollen.

Wer sagt, ich bin rechts, gibt damit also auch zu, schlechte Manieren zu haben.

Wie schön, daß man sich dann mit so einem sinnfreien Spruch »nicht links, nicht rechts, sondern vorne« tarnen kann.

Verständlich ist angesichts meines politischen Augenkompasses auch, warum man nie Linke sagen hört »ich bin ja nicht links, aber…«. (Google: 7 Treffer, einige davon humoristisch.) Die Variante »ich bin ja nicht rechts, aber…« muß dafür umso häufiger zur Relativierung der darauf folgenden rechtsmotivierten verbalen Ergüsse herhalten. (Google: ungefähr 31.700 Treffer.)

Altruistisch motivierte Menschen brauchen keine sinnfreien Sprüche, um sich für ihr Benehmen/Verhalten zu rechtfertigen. »Ich hab den Refugees Spielzeug für ihre Kinder vorbei gebracht« ist zum Glück noch immer gesellschaftsfähiger, als »ich hab vorm Asylbewerberheim den Müllcontainer angezündet«!

Deshalb ist »nicht links, nicht rechts, sondern vorne« für Linke genauso sinnfrei wie wertlos. Nur Rechte brauchen ihn und ich wage daraus zu schließen, daß ihn mehrheitlich Rechte benutzen. Und wahrscheinlich dabei denken »Nicht links, nicht rechts, aber Hauptsache nicht links«.

(Die tatsächlich nicht rechts & nicht links sind kann ich getrost ausblenden, denn das bedeutet, sie sind indifferent/unpolitisch. Sie gehen nicht in politische Parteien, weil sie das nicht die Bohne interessiert.)

Sich als politische Partei mit unzweifelhaft linkem Parteiprogramm nicht in aller Deutlichkeit von dem Second-Hand-Slogan der Grünen zu distanzieren, ist jedenfalls in gefährlichem Maße naiv.

FAZ-Artikel über die Grünen

Buch über die Grünen

Zeit-Artikel über Identitäre

Netz gegen Nazis über Identitäre

Frankfurter Rundschau-Artikel über Identitäre

Welt-Artikel über AfD

Political Compass

6 Gedanken zu “Nicht links, nicht rechts, sondern naiv

    1. Kai

      Kai

      Und das ist gar kein Widerspruch, weil (zumindest in meinem augenförmigen politischen Kompaß der linke untere Quadrant unbeschnitten ist. 🙂

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  1. Avatar

    AlterPirat

    Hallelujah! Endlich mal jemand, der sich gegen diesen Spruch wehrt. Ich fand ihn schon vorn 30 Jahren dumm.

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  2. Pingback:

  3. Avatar

    Johannes

    Nunja, nur weil bestimmte Ausrichtungskombination von einer Warte aus "unlogisch" erscheinen, heißt ja nicht das es sie nicht gibt. Ich kenne liberale Menschen die sagen, sie können Menschen nur vertrauen, wenn sie erkennen können, dass ihr Gegenüber ebenfalls ökonomisch (oder bei dir egoistisch) handelt. Selbstloser Altruismus wird dann als Zeichen für gefährlich übersteigerte Selbstaufopferung oder schlimmer, als falsches Spiel gewertet. Also nicht vertrauenserweckend.

    Oder anders herum: Es soll Menschen geben für die z.B. eine Frauenquoteforderung wie die ungute Mischung von "Misstrauen" und "Zusammenarbeit" wirkt. So nach dem Motto: Ja, es könnte die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten verbessern, aber wir misstrauen Anderen dass sie diesen Zustand von sich aus als richtig erkennen. Trotzdem kann man eine Frauenquote imo verteidigen ohne gleich komplett den Bereich der "logischen" Politik zu verlassen.

    In deiner Neudefinierung hast du "Libertär" mit "Mut" und "Zuversicht" gleichgesetzt. Ich kann schon verstehen das sich ein libertärer Mensch von "sorgenvollen" Linken gegängelt fühlt. Und das ohne das er sich in die Schablonen links oder rechts einordnen lassen will. Mag ja sein das es für Linke aussieht als hätte ein solcher liberaler Mensch den Kampf gegen Rechts aufgegeben. Und ja, es kann sein das die Ablehnung dieser Einordnung Nazis anzieht, die das (zu Recht) schlechte Image von rechter Politik loswerden wollen. Es würde dann allerdings helfen wenn die Liberale und Linken weiterreden würden, ohne das Linke als stalinistische Gewaltherscher und Liberale als Nationalsozialisten bezeichnet werden.

    Manchmal ist es besser nicht nur zu erfahren was ein Mensch sagt, sondern warum er so denkt wie er es tut. Das Wegschneiden von politischen Ausrichtungen weil "unlogisch", halte ich in diesem Zusammenhang für gefährlich. Im Grunde ist es nur eine etwas weiter gefasste Form des verhassten Wortes "alternativlos".

    Der Verzicht auf sinnfreie Sprüche wie "nicht links nicht rechts, sondern vorne!" ist natürlich trotzdem "genehmigt". Außer man ist Vertreter der Partei die Partei. In diesem Fall: Weitermachen!

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