»Unter Kohl war auch nicht alles schlecht« – über unbedachte Hitlervergleiche

Das Dritte Reich und den 2. Weltkrieg habe ich nicht selbst miterlebt. Meine Eltern waren noch Kinder. Ein Großvater hat die Nazis verabscheut, kam an die Ostfront und verbrachte 6 Jahre in einem russischen Kriegsgefangenenlager. Der andere Großvater war als Polizeikommandant in einem polnischen Juden-Ghetto stationiert, wurde nach dem Krieg als Kriegsverbrecher verurteilt und verbüßte eine mehrjährige Haftstrafe.

Es war unvermeidlich, dass  die Erfahrungen meiner Verwandtschaft auch an mir Spuren hinterließen. Schon in früher Kindheit stand für mich außer Frage, dass die Nazizeit das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte ist und sich niemals wiederholen darf.

Der nach meiner Überzeugung beste Weg, eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden, ist Bildung gepaart mit Sensibilisierung. Alle Menschen müssen wissen, was sich zugetragen hat und was wir Deutschen verursacht und zu verantworten haben (ja, auch die Nachkriegsgenerationen). Und sie müssen wachsam sein und lernen, menschenfeindliche Tendenzen zu erkennen.

Aber vor allen Dingen müssen wir die Gefahr, die von solchem Gedankengut ausgeht, ernst nehmen und nicht verharmlosen oder relativieren. Es gibt kein Verbrechen, das dem Holocaust gleicht. Es wurden nie zuvor 6 Millionen Menschen organisiert und systematisch ermordet. Es gab niemals ein widerlicheres Monster als Hitler.

Hitler mit irgendeiner anderen Person zu vergleichen, was immer sie auch schreckliches Verbrochen haben mag, bedeutet auch den Schaden, welchen diese Person möglicherweise angerichtet hat mit dem unaussprechlichen Leid der in den Vernichtungslagern Ermordeten und deren Angehörigen und Hinterbliebenen in Relation zu setzen.

Anders formuliert: Vergleicht man beispielsweise Helmut Kohl mit Adolf Hitler, und sei es nur im Spaß, so impliziert man damit ganz automatisch, dass der Massenmord an 6 Millionen Menschen vergleichbar ist, mit der Politik des ehemaligen Bundeskanzlers. Ich vermag nicht mir vorzustellen, was solch ein Vergleich beispielsweise in Juden, Sinti oder Roma an Gefühlen hervorrufen muss.

Deshalb stieß mir folgender Tweet sauer auf:

Unter Kohl war auch nicht alles schlecht. Immerhin hat er die Datenautobahn gebaut.

Einen ähnlichen Spruch hört man von den Generationen meiner Eltern und Großeltern bisweilen: “Unter Hitler war auch nicht alles schlecht. Immerhin hat er die Autobahnen gebaut.” (Dass dies zudem historisch falsch ist, lassen wir jetzt mal unter den Tisch fallen.)

Ich dachte mir, vielleicht versuchte der Twitterer satirisch zu wirken und bemerkte dabei nicht die Geschmacklosigkeit des vermeintlichen Scherzes. Um mir Klarheit zu verschaffen antwortete ich:

Unbedachte Hitlervergleiche verteufeln nicht nur $Person, sondern verharmlosen gleichzeitig #Hitler. War das etwa Deine Absicht?

Mit der ersten Antwort kann ich ehrlich gesagt nicht viel anfangen, weil ich nicht verstehe, was mir der Twitterer damit sagen will:

Nö: Skandalisierung von Hitlervergleichen überhöht den Menschen. Ein “Monster” muss man nicht reflektieren. Einen Menschen schon.

Soll das heißen, über Hitler braucht man nicht nachzudenken? Wer Hitlervergleiche bedenktlich findet, macht Hitler damit wichtiger als er ist? Oder wie soll ich das interpretieren?

Der Twitterer schickte insgesamt drei Antworten. Die zweite lautete:

Außerdem verharmlost IMO eine (lächerlich pseudoempörte) Skandalisierung aus taktischen Gründen (sind die meisten Fälle) viel mehr

Regt sich jemand nur aus strategischen Gründen künstlich über einen Hitlervergleich auf, weil er sich Vorteile aus dem politischen Skandal verspricht, so ist das sicherlich ebenfalls verabscheuungswürdig. Es verringert aber nicht die Brisanz von Hitler-Vergleichen.

Unterstellt mit der Twitterer, ich wolle mich mit meiner Nachfrage nur profilieren? Damit überhöht er nun wiederum mich, denn ich bin kein Prominenter und kein bekannter Politiker. Ich kann keinen anderen persönlichen Nutzen daraus ziehen, als zur allgemeinen Aufklärung beizutragen.

Von den drei Antwort-Tweets am meisten erschreckt hat mich aber dieser:

Außerdem: zumindest ich mache keine “unbedachten” Hitlervergleiche 😉

Das heißt unmissverständlich, dass er Kohl mit Bedacht — also absichtlich — mit Hitler verglichen hat. Das kann genau zwei Dinge bedeuten:

  1. Der Twitterer ist der Überzeugung, dass die Politik von Helmut Kohl einen dem Holocaust vergleichbaren Schaden angerichtet hat.
  2. Der Twitterer ist der Überzeugung, dass der Holocaust in seiner Bedeutung ähnlich unwichtig und harmlos einzuschätzen ist, wie die Politik von Helmut Kohl.

Beide Ansichten grenzen meiner Ansicht nach an Geschichtsklitterung.

Geht das nur mir so? Bin ich paranoid? Da solche Ansichten auf Twitter immer häufiger Verbreitung finden, wäre es ja durchaus möglich, dass ich derjenige bin, der schief gewickelt ist. Ich bin nun tatsächlich verunsichert, ob ich das nicht zu eng sehe.

Vielleicht könntet Ihr mein Weltbild wieder gerade rücken. Bitte seid doch so nett!

(Ich habe absichtlich keine Screenshots der Tweets eingestellt und den Twitternick des Twitterers nicht veröffentlicht, weil es mir hier nicht um einen Internetpranger geht, sondern um Aufklärung.)

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