Italia Duemila, Kapitel 1, Abreise

Einleitung: Warum diese Aufregung?

brennerpassIch war noch nie ein Frühaufsteher, aber dieses verwirrende Gefühl am Abreisetag, so als ob ich irgendetwas wichtiges vergessen hätte... Nein, das konnte nicht einfach nur Morgenmuffelei sein. Wir - meine Freundin und ich - waren bereits auf dem Weg zu Dirk, unserem “Reiseführer”. Er hatte die komplette Tour fast ganz alleine geplant und vorbereitet. Viel Verantwortung lastete also nicht auf unseren Schultern - mal davon abgesehen, daß wir mit unserer an die Beladungsgrenze vollgepackten Deauville im Soziusbetrieb gegenüber Dirks Gran Canyon PS-technisch etwas benachteiligt waren, aber trotzdem schritthalten wollten.

Nein, ich wurde dieses Gefühl nicht los, daß ich etwas vergessen hätte. Der Hammer für die Zeltnägel war es nicht. Den hatte ich zwar tatsächlich vergessen, aber in dem Moment war mir das egal, denn mein Gefühl sagte mir, ich hätte etwas ungleich wichtigeres vergessen. Der Gedanke daran wurde immer stärker, es surrte in meinem Kopf. Nein! Es surrte an meinem Kopf - der Wind surrte an meinem Kopf. Wie kann man nur seinen Helm vergessen? Ich war so aufgeregt, daß ich tatsächlich meinen Helm vergessen hatte. Gott sei Dank waren wir erst 50 Meter gefahren.

Für meine Aufregung gab es gleich mehrere Gründe: Dies war, von einem Kurztrip ins Elsaß mal abgesehen, meine erste große Motorradtour ins Ausland. Würden meine Freundin und ich es über 5000 Kilometer auf dem Motorrad aushalten? kalabrien_ist_abenteuerlich_aber_auch_wunderschoen_-_wieAußerdem hatten wir nagelneue Motorräder und planten in die Regionen Italiens mit der höchsten Kriminalitätsrate zu fahren. Und das vor der Saison, wo viele Campingplätze noch nicht geöffnet haben. Mußten wir vielleicht wild - und ungeschützt - campen? Der Hauptgrund für meine Aufregung war jedoch ein anderer: Der Ätna, der aktivste Vulkan Europas. In der gesamten Zeit unserer Urlaubsplanung ist der Ätna mehrmals ausgebrochen. Und das mit solch einer Regelmäßigkeit, daß wir beschlossen, unser Glück zu versuchen und den Abreisetermin so verschoben, daß wir theoretisch zum nächsten Ausbruch auf Sizilien sein müßten. Aber das ist ein Glücksspiel. Würde es klappen - würden wir einen Vulkanausbruch beobachten können?

Am meisten hatte ich eigentlich daran gezweifelt, ob wir alles Notwendige auf den Motorrädern unterbringen würden. Zum einen war da mein Zelt - mit richtigen Eisenstangen (dieses 2-Personen-Zelt hatte das dreifache Packmaß meines jetzigen 5-Personen-Zeltes mit Fiberglasstangen) und das Igluzelt von Dirk. Dann drei Schlafsäcke, drei Luftmatratzen, drei Faltstühle. Außerdem noch Kleidung, Schuhe und Waschzeug für drei Personen sowie Verbandszeug und eine kleine Bordapotheke, Kartenmaterial, Geschirr, Fotoapparat, Videokamera, 3 Handys, sonnenuntergang_im_capo_vaticanodie jeweiligen Ladegeräte, Gaskocher und Reservekartuschen, Nahrungsmittel und Getränke. Unser besonderer Stolz waren ein von Dirk selbstgebauter Tisch, der aus einer zusammenfaltbaren Holzplatte bestand, die auf das Alu-Topcase gelegt wurde. Die Tischbeine wurden von unten in das Topcase geschraubt. Und ein, ebenfalls von Dirk gebauter Grill, der zusammengelegt in das Topcase paßte und so, dank des Gewichtes für noch schlechteres Fahrverhalten auf der Autobahn sorgte.

Selbstverständlich war es mühsam, ständig dieses ganze Zeug herauszukramen um es anschließend alles wieder verstauen zu müssen. Aber wir wollten Camping-Urlaub machen. In Hotels und Pensionen übernachtend kann jeder Motorradurlaub machen. Das ist nichts anderes, als `ne Sonntag-Nachmittags-Spazierfahrt im Odenwald. Nur daß man anschließend in aufgeräumten Zimmern schläft und am nächsten Morgen das Frühstück nicht selbst zubereiten muß. Man muß nicht mal Gepäck mitnehmen. Drei Unterhosen, Zahnbürste und Kreditkarte und schon kann man wegfahren? Nein, Pensionen sind was für Satteltrockenreiber.

Die ersten beiden Nächte haben wir darum in einer Pension 😉 in Südtirol übernachtet (vgl. Kapitel 2). Von da ging´s mit einem Zwischenstop in Cérvia weiter ins Gargano (Kapitel 3), dem Stiefelsporn Italiens. la_spezia_-_bis_hierher_hat_s_u96_nicht_mehr_geschafftDie Adria haben wir ansonsten im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen. Unser Hauptaugenmerk galt eindeutig Sizilien (Kapitel 5), was nach einer Übernachtung in Alberobello (Kapitel 4) unser nächstes Ziel war. Dort blieben wir fast eine Woche. Danach traten wir die Rückreise über die Westküste Italiens an. Erster Stop war das Capo Vaticano, wo Italien noch aussieht, wie ich es von Familienurlauben vor 20 Jahren in Erinnerung hatte. Die Leute sind dort mit am freundlichsten und die Preise sehr niedrig (Pizza und Getränke für drei Personen unter 30,- DM). Die Ferienanlage war frisch modernisiert worden. Für italienische Verhältnisse bedeutet das, daß der Campingplatz abgerissen wurde, bis auf fünf Stellplätze für Wohnmobile und einem winzigen Plätzchen, auf das gerade ein Igluzelt und zwei Motorräder passen. Stattdessen hat man Ferienbungalows aufgestellt und zwar wunderschöne. Teils sehen sie aus wie die Trulli in Alberobello. Hierher würden wir gerne zurückkehren, das steht fest.

in_cinque_terre_sind_die_doerfchen_bis_zur_schmerzgrenzeWeiter gings nach Neapel zum Vulkan Solfatara und Ostia, von wo wir einen Tagesausflug nach Rom machten (Kapitel 6). Eine der, zum Motorrad fahren schönsten Landschaften findet man im Nordwesten Italiens. Cinque Terre - die fünf Erden. Ihren Namen bekamen die fünf kleinen Dörfchen vermutlich daher, daß sie früher von der Außenwelt nahezu abgeschnitten waren und daher eine kleine Welt für sich waren. Dort hatten wir auch die letzte Übernachtung auf italienischem Boden eingeplant. Bis wir jedoch in Levanto ankamen und dort den richtigen Campingplatz fanden stand die Sonne schon so tief, daß die ganze herrliche Steilküste in ein unwirklich erscheinendes Licht getaucht war. Der Campingplatz war einer der schönsten, und die Pizza, die wir abends im Städtchen aßen war eine der besten, die wir im gesamten Urlaub hatten. Aber vielleicht lag dies auch ein wenig daran, daß wir wußten, es würde für lange Zeit die letzte echt italienische Pizza sein, die wir bekommen. Nach so unglaublich vielen Eindrücken und Erfahrungen auf unserer Reise ließen wir aus dem letzten italienischen Abend eine italienische Nacht werden - sehr zum Mißfallen unserer Zeltnachbarn. Aber wir wollten einfach nicht schlafen gehen, bevor die Flasche Rotwein nicht leer war. Und so einen leckeren italienischen Wein stürzt man nicht einfach so hinunter, den genießt man - und redet Benzin dabei!

Am nächsten Tag fuhren wir etwas wehmütig in Richtung Bodensee, wo wir bei meiner Schwester übernachten wollten. Die Vorfreude auf den Gotthardpaß versüßte uns den Abschied ein wenig. Treffenderweise war der Paß wegen Schneefalls gesperrt und so waren wir gezwungen, uns durch den Tunnel zu quälen. Beim nächsten Motorradurlaub darf ich das Atemschutzgerät mit Sauerstofflasche nicht vergessen. Nachdem wir den Tunnel wieder verlassen hatten, konnte man eine deutliche Einschwärzung unserer Kleidung feststellen.

alpenAm meisten jedoch hat mich meine Freundin beeindruckt. Um nichts in der Welt hätte ich den Platz mit ihr tauschen wollen und über 5000 km als Sozius durch den italienischen Verkehr fahren wollen. Erstaunlicherweise ist meine Freundin, die zu dem Zeitpunkt gerade den Motorradführerschein machte, der gegenteiligen Meinung - sie hätte um nichts in der Welt mit mir den Platz tauschen und drei Wochen selbst durch den italienischen Verkehr fahren wollen. In einem Punkt sind wir uns alle drei einig: Diese Reise hätten wir um nichts in der Welt versäumen wollen.

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