Zeit für Fellpflege

Triggerwarnung: Ich schreibe zum Teil über eklige Menschen. Und über Popel. Aber die sind nicht so eklig, wie manche Menschen.

tl;dr:

Essenreste zwischen den Zähnen, ein Popel kuckt halb aus der Nase, schmutzige Fingernägel – warum geht man so nicht zum Vorstellungsgespräch? Aus demselben Grund, warum man so nicht um Wählerstimmen wirbt. Nur daß im Wahlkampf die Essenreste zwischen den Zähnen die "Ideologiefreien" sind, die Mobber und Hater die Popel und die Alleingänger und U-Boote die schmutzigen Fingernägel.

Also vor dem Europa- und Kommunalwahlkampf erstmal Zähne und Nase putzen und die Hände waschen und maniküren. Und wenn wir dann ansehnlich sind, klarmachen zum Ändern!

War zu kurz? Hier die Langversion:

Die Piraten in meinem KV Kafka haben sich viel Mühe gegeben. Ach, was red' ich? Sie haben alles gegeben und noch mehr. Einige gingen gegen Ende des Wahlkampfes auf dem Zahnfleisch. Von mir kann man das nicht gerade behaupten. Erst war ich lange krank und als ich wieder gesund war, ließ mir der Brotjob kaum Freizeit. Eine große Hilfe war ich daher wohl nicht.

Ich war immer der Meinung, daß ich einem bemerkenswerten KV angehöre. Die Leute sind sehr #flauschig und haben einen guten politischen Riecher. Außerdem sind sie wirklich anständig – und das meine ich durchaus im altmodischen Sinne. Daß sie mich dazugehören lassen, rührt und ehrt mich gleichermassen.

Auf der anderen Seite gab es innerhalb der Piratenpartei immer Schmerzzonen, die mir das piratige Lebensgefühl vermiesten. Und zwar in so hoher Frequenz, daß ich in Zusammenhang mit Vollpfosten bei den Piraten nur noch von Rodeoclown-Rekursion* spreche. (*Noch bevor mal ein Shitstorm gegen einen Denkphobiker zu Ende gebracht werden kann, kommt schon der nächste intellektuell anders Befähigte daher und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich.)

Schon öfter ging ich deshalb mit dem Gedanken schwanger, aus der Piratenpartei auszutreten. Obwohl ich unverändert der festen Überzeugung war (und es noch immer bin), daß die Welt im Allgemeinen und dieser Staat im Besonderen die Piratenpartei bitter nötig hat. Aber jedesmal, wenn ich wieder kurz davor war, das Austrittsschreiben zu verfassen, hat mich mein KV wieder geerdet, eingenordet und motiviert.

Nun ist die Bundestagswahl 2013 vorbei und die Piratenpartei an der 5%-Hürde (deutlich) gescheitert. Die ersten Hochrechnungen waren (gefühlt) noch nicht zu Ende vorgelesen, da sprießten schon die ersten Blogposts aus dem neulandwirtschaftlich fruchtbaren Boden, über die vielfältigsten Gründe für das Scheitern und mit ausgetüftelten Plänen, wie es zukünftig besser zu machen sei.

Das Erfreuliche daran: Sie alle machen sich Gedanken, sind kreativ und halten sich an das Wahlkampfmotto "wir stellen das mal infrage". Das Beruhigende daran: Die Piratenpartei ist weit davon entfernt, sich in Selbstmitleid, Frust oder überhaupt aufzulösen. Wir haben noch nicht mal richtig angefangen!

Aber das wäre kein Blogpost von mir, wenn's da nicht auch Gemecker dabei gäbe.

Ich freu mich ja wirklich, wenn die Piratenpartei wieder das mit der Schwarmintelligenz macht und ganz viele Hirne von Individuen zu einem Super-IQ-Cluster zusammenschweißt. Aber vergeßt dabei bitte nicht, daß man das Rad nicht zweimal erfinden muß. Die Piratenpartei hatte schon tolle Erfolge. In den Umfragen wurden wir auch schon mal bei 16% gesehen.

Das Absinken der Umfragewerte einzig und allein auf das Abklingen des, bei jungen Parteien angeblich üblichen, Hypes zu schieben ist nach meiner Ansicht ebenso falsch, wie dem Wandel der Einthemenpartei zur vielfältigen Menschenrechtspartei die Schuld anzulasten.

Ganz besonders der Straßenwahlkampf hat eines ans Licht befördert: Die Menschen waren unseren Positionen gegenüber sehr aufgeschlossen, sie waren sogar oft überrascht, was für gute Ideen und Pläne wir haben. Und doch wurden wir an der Wahlurne verschmäht. Warum? Wenn es schließlich nicht unsere Inkompetenz war, woran lag es dann?

Kurzer Gedankensprung:

Habt Ihr viel Erfahrung mit Vorstellungsgesprächen? Im Idealfall nicht auf der Bewerberseite, sondern auf der Unternehmerseite? Wenn mehrere Bewerber*innen mit gleicher Qualifikation vorstellig wurden, welche würdet Ihr auswählen? Die mit den fettigen Haaren und Essenresten im Bart und auf dem Pullover oder die frisch geduschten, mit gepflegtem Äußeren und sauberer Kleidung? Ich habe auch schon mal einem Bewerber mit schlechterer Fachkompetenz den Vorzug gegenüber einem besser qualifizierten Bewerber gegeben, weil Letzterer während des Vorstellungsgespräches popelte.

Zurück zur Piratenpartei:

Ich will hier keineswegs behaupten, wir Piraten seien im wortwörtlichen Sinne so abstossend aufgetreten, aber im übertragenen Sinne leider manchmal doch. Auch will ich keineswegs propagieren, wir sollten dem Schein mehr Bedeutung beimessen als dem Sein. Aber alle politische Qualifikation ist vergeblich, wenn die Wähler uns abstoßend finden. Wir müssen den Wählern schon gefallen wollen, sonst brauchen wir erst gar nicht anzutreten.

Wenn die Wähler uns nicht der Mühe wert sind, so ein bißchen Fellpflege zu betreiben, haben wir deren Stimmen auf den Wahlzetteln genausowenig verdient, wie der Bewerber, der sich zu schade zum Naseputzen war, die freie Arbeitsstelle.

Die Piratenpartei ist nicht sauber, sie ist verunreinigt. Das Orange hat hier und da braune Flecken und ist stellenweise radioaktiv verseucht. So kann man doch keinem Wähler gegenübertreten und um Sympathie buhlen.

Wir wollen dem Wahlvolk weismachen, daß wir uns um seine Bedürfnisse kümmern wollen, stecken aber über ein halbes Jahr lang unsere gesamte geistige Arbeitskraft in die Auseinandersetzung mit der Frage, ob ein politischer Geschäftsführer Socken zu tragen habe, oder nicht und verdrängen auf diese Weise brennend wichtige politische Themen in die Nebensächlichkeit.

Machen wir unseren Parteimitgliedern klar, dass eines unserer wichtigsten Themen INKLUSION ist. Wer nicht damit klarkommt, daß es auch Menschen gibt, die von einer willkürlichen Norm abweichen (wollen), dem sollten wir den Austritt nahelegen, denn sie teilen nicht die Ziele der Piratenpartei.

Wir versuchen den Menschen zu vermitteln, daß Abmahnmißbrauch eine Gefahr nicht nur für Kunst und Kultur darstellt, daß man nicht immer gleich den Rechtsweg gehen muß. Gleichzeitig könnte man den Eindruck gewinnen, eine gewisse Crew hätte sich darauf spezialisiert, durch gezielte Beleidigungen entsprechende Reaktionen zu provozieren, die dann sofort angezeigt und vor Gericht gebracht werden.

Zeigen wir den Mobbern und Klimavergiftern ihre Grenzen auf.

Bei allem Respekt vor Individualität ist Teamplay in einer Partei unerläßlich. Wer immer wieder, sich auf mißverstandene Meinungsfreiheit berufend, Obstruktion betreibt, ist schädlich für die Gemeinschaft der Piratenpartei.

Wir spielen die Beleidigten, wenn wir von der Presse nicht ernst genommen werden, beleidigen aber unsererseits Journalisten, wenn nicht gleich die ganze ("System-")Presse, weil sie uns dann doch ernst nehmen und uns einen Spiegel vorhalten. Anstatt dankbar zu sein, daß wir so anhand unserer offenbar gewordenen Unzulänglichkeiten aufgezeigt bekommen, wo wir noch an uns zu arbeiten und wo wir Verbesserungspotential haben, verleugnen wir jede Fehlerkultur und stoßen unsere wichtigsten Verbündeten vor den Kopf.

Dafür, daß die Presse uns dann schließlich die kalte Schulter zeigte, als wir von der NSA und der Überwachungserfahrenen Merkel einen Elfmeter serviert bekamen, müssen wir uns wohl an die eigene Nase packen.

Nicht nur bei der überwiegenden Mehrheit der Wählerschaft, auch bei uns Piraten steht Kernenergie aufgrund der unvermeidlichen Risiken nicht gerade hoch im Kurs. Daher haben wir uns auch deutlich dagegen positioniert. Da sollte man doch meinen, wenn von der, den Stand der Wissenschaft ignorierenden, Kernenergie befürwortenden Nuklearia Flyer verteilt werden, die dazu geeignet (und vielleicht auch dazu bestimmt) sind, den Eindruck zu erwecken, es handele sich um Positionen der Piratenpartei, würde diese den Namensmißbrauch schnellstens unterbinden. Diese Unterbindung hat jedoch ein einzelnes BuVo-Mitglied, unterbunden, und auf diese Weise die gezielte Irreführung der Öffentlichkeit legitimiert.

Das Gerücht, die Piratenpartei befürworte Kernenergie, wurde wenige Tage vor der BTW dann durch ein Interview mit dem Rädelsführer der Nuklearia zementiert – ein K.O.-Kriterium für die überwiegende Mehrheit der Wähler.

Meinungspluralität ist keine zufriedenstellende Begründung für die Duldung einer Gruppe, die den Interessen einer Partei so eklatant zuwiderhandelt. Wenn die Nuklearia nicht in der Lage ist, parteiintern Überzeugungsarbeit zu leisten, ohne dabei absichtlich leichtfertig der Partei solch massiven Schaden zuzufügen, sollten wir, wie der Begriff Partei bereits suggeriert, parteiisch sein und uns von ihr trennen.

Am meisten schämen sollten wir uns jedoch für die Duldung von Faschisten, Rassisten und Nazis! Und NEIN, das ist noch lange nicht ausgestanden!

Wir haben Kandidaten auf Listenplätze gewählt, die sich beharrlich weigerten, in der Naziszene einschlägigen Jargon von der Kandidaten-Website zu entfernen.

Wir haben Mitglieder, die Atomschläge Irans gegen Israel für legitim, die Selbstverteidigung Israels dagegen aber für Unrecht halten.

Ein BT-Kandidat mit sicherem Listenplatz hat aus freien Stücken die Anklagevertretung (nein, das ist nicht dasselbe wie (Pflicht-)Verteidigung) für Neonazis übernommen.

Ein, wie Heinz Erhard gesagt hätte, großer weißer Vogel hält Gaza für ein KZ und die Israelis für die Wächter und wird von etlichen weiteren Mitgliedern unterstützt und in Schutz genommen.

Ein Landesvorstand hält ein xenophobes "Das Boot ist voll"-Plakat lediglich für "ungeschickt", und das vielleicht auch nur wegen der Außenwirkung, wer weiß. Derselbe Landesvorstand mag keine Unvereinbarkeitserklärung mit der AfD.

Unzählige Parteimitglieder befleißigen sich einer, in der Neonazi-Szene typischen, Szenesprache – umgangssprachlich Nazisprech genannt (angefangen bei propagandistischen Kampfbegriffen wie "Linksextremismus" bis hin zur "Systempresse", einer Wortkreation der Faschisten in der Weimarer Republik), und wundern sich nachher, warum sie in die rechte Ecke gestellt werden. Nebenbei beeinträchtigen sie das Bild, das sich die Öffentlichkeit von der Piratenpartei macht. Googlet doch mal nach "frei sozial national" und schaut, in wessen Gesellschaft man sich mit solchen Schlagwortkombinationen begibt.

Wenn sich ein Mitglied gegen Nazis, Antisemiten, Rassisten, Faschisten, Sexisten, etc. äußert, ist sofort eine ganze Armee von "Gerechtigkeitsfanatikern" zur Stelle, die sich empören – und zwar nicht über die $isten, sondern über den, der sie benennt. Fällt aber ein Mitglied durch Rassismus, Faschismus, etc. auf, wird sich nicht empört, nein, dann wird relativiert und verteidigt – "der $xy meint das nicht so, im Reallife ist der ganz anders, er macht doch soviel".

Mit der braunen Scheiße am Schuh brauchen wir gar nicht erst um Wählerstimmen zu buhlen. Die Wähler, die wir so gewinnen, wollen wir überhaupt nicht haben.

Das Rezept gegen diese Menschenfeinde ist einfach: Keine Kekse, kein Fußbreit!

Mit Nazis, Antisemiten, Rassisten, Faschisten, Sexisten und all den anderen menschenfeindlichen $isten kooperieren wir nicht, wir geben ihnen keine Plattform, keine Ämter, keine Beauftragungen. Wenn sie zu Stammtischen kommen, geben wir ihnen zu verstehen, daß es sich nicht rentiert, sich etwas zu trinken zu bestellen, weil sie eh gleich wieder gehen werden. Auf social media Plattformen blocken wir sie und schenken ihnen keine Beachtung.

Fazit:

Ich weiß, "nach der Wahl ist vor der Wahl", nächstes Jahr Europa- und Kommunalwahlen, Ihr seid alle schon (noch) ganz aufgeregt und könnt es gar nicht abwarten, durchzustarten. Aber nehmt Euch doch bitte mal die Zeit, und helft alle mit, die Piratenpartei wieder in leuchtendem Orange erstrahlen zu lassen. Wenn uns die Wähler das bißchen Fellpflege nicht wert sind, sind wir deren Stimmen nicht wert!

Update v. 11.10.13:

[Name entfernt] s Bild passt wohl ganz gut zum Thema. Überhaupt muß ich mich bei ihr nicht nur für die Erlaubnis, das Bild zu verwenden, bedanken. Auch fürs Probelesen, die Verbesserungsvorschläge und überhaupt dafür, daß es Dich gibt, bin ich von ganzem Herzen dankbar! <3

Update vom Update:

Nachdem die Urheberin des zeitweilig verwendeten Bildes inzwischen gemeinsam mit den restlichen Braunen in der Piratenpartei gegen die Altruisten hetzt(e), mag ich das Bild doch lieber nicht mehr verwenden.

Ein Gedanke zu “Zeit für Fellpflege

  1. Avatar

    besorgter Pirat

    In deinem Blogpost steck viel Wahres. Allerdings sieht es meiner Meinung nach etwas einseitig aus.

    Ich will weder gutheissen noch rechtfertigen was du über die Probleme mit Personen aus dem rechten Spektrum sagst. Allerdings sehe ich in der Partei vermehrt auch ein Problem auf der anderen Seite. Die Partei sollte sich strikt gegen Gewalt und undemokratisches Handeln aussprechen. Die Menschen da draussen interessiert auch nicht, ob ihr Auto von einem Rechts- oder Links-Idioten angezündet wurde. Oder ob die Steineschmeisser nun dem rechten oder linken Block zugehören. Sie wollen keine Gewalt und extremistisches Gedankengut. Wie man dann einen Fraktionsvorsitzenden wählen kann, der öffentlich Gewaltaufrufe gutheisst und verteidigt ist mir zweifelhaft.
    Solange man willkürlich die eine Gewalt gutheisst während man vorgibt die andere Gewalt bekämpfen zu wollen/müssen ist das nicht glaubwürdig.

    Der andere Punkt ist die Nuklearia. Ich bin gegen die Kernkraft, da die Gefahren und die Endlagerun/Entsorgung der Abfallprodukte nicht tragbar sind.
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass man dieses Thema nicht zu einem Tabu machen darf, wenn es Möglichkeiten gibt die Abfallprofukte zu verringern und die Halbwertszeiten deutlich zu verkürzen. Es muss möglich sein sich mit dem Thema wissenschaftlich und faktenbasiert auseinander setzen zu können, ohne dass man bei dem alleinigen Nennen des Themas schon "bekämpft" wird.
    Die anderen Parteien sind sich relativ einig, dass der Atommüll "einfach irgendwo eingebuddelt" werden soll. Die Frage ist nur wo. Das diese Lösung keine gute Lösung ist, sollte mit der Problematik der Asse ja bekannt sein.
    Wenn man hier offen gegeüber einer anderen technischen Herangehensweise wäre hätte man nicht nur eine deutlichere Abgrenzung zu anderen Parteien, man würde auch dem technischen Image der Partei entsprechen. Zudem sollte es ein Anliegen sein den nachfolgenden Generationen so wenig Altlasten wie möglich aufzubürden.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.